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Leseprobe „Alles eine Frage der (Liebe) Technik“

Einige Seiten aus Kapitel 1:

1 – Johannes

Was ist das? Du denkst, du bist in der finnischen Sauna und jemand drückt dir zwei Eispacks in die Flanken …

Das bin ich, beim Versuch, meine Frau in den siebten Himmel zu schlecken.

Aus der Vogelperspektive sah man eine Daunendecke in Form eines Zwei-Mann-Zelts, aus dem zwei Füße rausguckten. Das waren meine. Die von Katrin befanden sich seit einer halben Stunde auf Höhe meiner unterkühlten Nieren.

Meine Lungen lechzten nach frischem Sauerstoff, obwohl der Zeitpunkt ungünstig war. Während ich im Schweiß badete, wurde Katrin gerade erst warm. Ob ich es trotzdem wagen konnte, die Decke anzuheben? Schaffte mein eigentlich durchtrainierter Körper das noch? Das Flackern vor meinen Augen ignorierend, zog ich meine linke Hand vorsichtig von dem hübschen kleinen Kitzler ab und hob die Decke, während die Zunge weiter kreiste und meine Lippen rhythmisch saugten.

Tat das gut! Dabei bollerte die Heizung auch außerhalb des Daunen-Backofens auf vollen Touren. Aber nicht die reale Temperatur machte den Unterschied, sondern die Differenz zwischen 25 und 50 Grad.

Auch etwas weiter oben, auf dem Kopfkissen, tat sich endlich etwas.

Katrin … grunzte.

Begeistert schleckte ich weiter, obwohl mich das Geräusch schon auch ein wenig stutzig machte. Sonst stieß Katrin immer kurze, helle Schreie aus, wenn sie abging. Sollte ich unbeabsichtigt etwas getan haben, das dieses Grunzen hervorrief?

Bei näherem Hinhören klang das ungewohnte Geräusch allerdings nicht annähernd so ekstatisch wie ich es mir wünschte.

Alarmiert zog ich die Zunge in meine wüstengleiche Mundhöhle zurück und krabbelte aus dem Sauna-Zelt hinaus. Kurzes Schwanken, dann war mein Kreislauf wieder voll da.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sich meine Nieren von der Eisfußbehandlung erholten, oder ob ich morgen schon an der Dialyse hing. Nur eins wusste ich ganz sicher: Ich hatte meine Frau in den Schlaf geschleckt.

***

„Denk an Marlens Gummistiefel, wenn du sie nachher in die Kita bringst. Du musst die Stiefel bei Hannah abgeben. Hannah ist die blonde Praktikantin. Und schreib vorher mit dem DICKEN, schwarzen Edding Marlens VOLLSTÄNDIGEN Namen auf die Sohle. Ach ja, Luca hat heute Kakaogeld-Tag. Zwei Euro. Steck ihm das Geld in das Fach in seinem Mäppchen und NICHT wieder in den Anorak. Und wenn du die beiden Süßen später abholst, fahr am Baumarkt vorbei. Das Licht im Gäste-WC ist kaputt. Vielleicht kaufst du auch einen Salat für’s Abendessen.“

Entgegen Katrins Meinung wusste ich sehr wohl, wer Hannah war, und das lag NICHT daran, dass die blonde Praktikantin eine Augenweide war. Das Kakaogeld unseres Sohnes hatte ich auch noch NIE in seinen Anorak gesteckt. Abgesehen davon hatte ich Marlens Gummistiefel SCHON gestern beschriftet. Gut möglich, dass ich in meinem früheren Leben ein verantwortungsloser Weiberheld gewesen bin, aber mit Katrin war ich schon lange ein komplett anderer geworden.

Ich nahm einen Schluck von dem Milchkaffee, den ich für Katrin gemacht hatte, schmiegte mich an ihren Rücken und drückte ihr die Tasse in die Hände.

Katrin war noch genauso schön wie damals, als wir uns auf dem Uni-Ball kennenlernten, und ich verspürte keine Lust, an all die durchaus wichtigen, aber todlangweiligen Besorgungen zu denken, die heute auf meinem Plan standen. Mir fehlten die spontanen Umarmungen und Küsse aus der Zeit, als wir noch zu zweit waren. Und mir fehlte ganz eindeutig Sex.

„Was hältst du davon, wenn ich uns für heute Abend einen guten Wein besorge?“

„Wein? Es ist mitten in der Woche.“ Katrin löste sich aus meiner Umarmung, trat an die Küchentür und rief streng: „Kinder, Frühstück!“

„Ich dachte, wir könnten unsere Session von vergangener Nacht fortsetzen.“ Mein eigener Kaffee gurgelte jetzt ebenfalls aus dem Automaten und im Obergeschoss erklang das Getrappel von vier Kinderfüßen.

Seufzend ließ Katrin sich auf ihren Stuhl fallen und fragte: „Welche Session?“

Ich war mir nicht sicher, ob sie das ernst meinte.

„Du bist eingeschlafen, während ich zwischen deinen Beinen zugange war“, grinste ich und vergrub meine Lippe in ihrer zarten Halsbeuge.

Sie sog zischend die Luft ein. „Das ist jetzt wirklich peinlich. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass wir …“

Ausgerechnet in dem Moment, als ich mit Katrins Kuss rechnete, trampelten unsere Kinder in die Küche, stürzten an den Tisch und verschlangen munter plappernd ihr Müsli. Schüsseln und Löffel klapperten, Milch spritzte, ein Glas mit Orangensaft fiel um. Das war’s mit der trauten Zweisamkeit. Ich sprang auf, um den Wischlappen zu holen und warf dabei Katrin einen fragenden Blick zu, in der Hoffnung auf ein eheliches Date am Abend.

„Gut, dann bring Wein mit“, seufzte sie, bevor sie mit unseren Kindern über das Märchen Hänsel und Gretel sprach, das sie ihnen gestern vor dem Zubettgehen vorgelesen hatte …

 

Und noch einige Seiten aus Kapitel 2:

2 – Sofia

Da war schon wieder so ein Scherzkeks am Apparat. Dieser trug auch noch den passenden Namen.

„Einen Augenblick, Herr Scherzl. Ich verbinde sie mit meiner Chefin“, sagte Libby zu mir. Libby klang zuckersüß, steckte sich jedoch andeutungsweise einen Finger in den Hals. Das war das Zeichen. Ich hatte angeordnet, dass sie den nächsten Spinner gleich an mich weiterreichen sollte.

„Ich bin Dr. Stein. Was kann ich für Sie tun, Herr Scherzl?“, meldete ich mich.

„Ähem, es geht um einen Freund“, ertönte eine verhaltene Männerstimme.

Meine Augen verdrehten sich vollautomatisch. Wenn diese Typen anriefen, ging es immer um einen Freund. Feiges Pack.

„Ja“, sagte ich.

„Er und, ähem, seine Frau …“

Die Anrufer stammelten auch jedes Mal. Es war immer dasselbe. Von wegen starkes Geschlecht.

„Ähem, die beiden haben, hm-hm“, Herr Scherzl räusperte sich, bevor er noch leiser fortfuhr: „Probleme im Bett. Seine Frau hat keine Lust mehr.“

Alles klar. Genau wie Libby vermutet hatte. Inzwischen hörte meine Praxis-Assistentin schon, dass mal wieder einer von denen dran war, wenn der Anrufer nur seinen Namen nannte.

Herr Scherzl stieß ein erleichtertes Atemgeräusch aus, weil er froh war, dass er sein Sprüchlein rausgebracht hatte.

Leider war ich überhaupt nicht erleichtert, sondern ich war es leid, das kriminelle Vorgehen eines anderen auszubaden. Der Kollege, von dem ich vor drei Monaten die Praxis samt Telefonnummer für eine stattliche Ablösesumme übernommen hatte, war in erster Linie als Sexualtherapeut tätig gewesen und nicht – wie in das Schild eingraviert – als Familientherapeut. Zudem hatte er seine „Behandlungen“ größtenteils am Telefon vorgenommen. Aus seiner Geldgeier-Sicht war das ziemlich clever gewesen, da er nicht auf Laufkundschaft angewiesen war, sondern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schöpfen konnte.

Das Problem war nur, dass ich wirklich Familientherapeutin war. Wie diese Bezeichnung eindeutig aussagte, behandelte ich Familien. Mutter, Vater, Kind. Oder Mutter/Kind. Oder Vater/Kind. Oder Mann/Frau. Jeder Mensch weiß, was eine Familie ist.

Doch in meiner Praxis riefen ausschließlich Männer an, die davon ausgingen, dass auch die neue Frau Doktor unter dem Deckmantel der Familientherapie Schwung in tote Ehebetten brachte. Das hatte sich anscheinend in ganz Deutschland rumgesprochen. Jeder schien das zu wissen. Nur ich hatte bei der Praxisübernahme keine Ahnung gehabt, dass ich mich bald in einer Situation wiederfinden würde, die mich stark an Telefonsex erinnerte.

Hatte es mich gewundert, als ich herausfand, dass mein Vorgänger nach Cuba ausgewandert war, um dort eine 24-jährige Cubanerin zu heiraten und meine Schadensersatzforderungen zu ignorieren?

„Sind Sie noch da, Frau Doktor?“, erkundigte sich Herr Scherzl vorsichtig.

Verzweifelt und wütend zugleich, vor allem über meine eigene Blödheit, blickte ich auf den leeren Terminkalender, der vor mir auf dem Schreibtisch lag.

„Ja“, brüllte ich in den Hörer. „Aber nicht mehr lange.“

Und dann legte ich einfach auf …

Ende der Leseprobe

 

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